Der Vater des Bläserquintetts – Anton Reicha

Nicht nur Beethoven wurde vor 250 Jahren geboren, auch der Komponist und Musiktheoretiker Anton Reicha (eigentlich: Antonín Rejcha) erblickte vor 250 Jahren das Licht der Welt. Die beiden Jugendfreunde gingen sehr verschiedene Wege.

1770 kam er in Prag zur Welt, wo sein Vater als Stadtpfeifer arbeitete, aber früh verstarb. 1781 wurde Anton daher von seinem Onkel Josef adoptiert, der als Musiker in Süddeutschland tätig war. Dieser Josef Reicha übernahm vier Jahre später die Leitung der Hofkapelle des Kurfürsten Maximilian Franz in Bonn. Dort lernten sie sich dann kennen: Ludwig van Beethoven und Anton Reicha, damals 14 bzw. 15 Jahre alt.

Ludwig, eigentlich Pianist, spielte in der Hofkapelle Bratsche. Anton war hauptsächlich Flötist und außerdem Geiger. Rund sieben Jahre lang waren sie Orchesterkollegen und musikalische Freunde. Als der große Joseph Haydn die beiden Talente einlud, bei ihm zu studieren, machte sich Beethoven 1792 auf den Weg nach Wien – und sollte dort bleiben bis an sein Lebensende. Reicha hingegen spielte weiter im Orchester des Onkels, bis Bonn von den französischen Revolutionstruppen bedroht wurde. Da schickte ihn der Onkel dann doch lieber weg, nach Hamburg. Sein Dienstherr, der Kurfürst, war inzwischen nach Süddeutschland geflohen. Die Hofkapelle wurde aufgelöst.

In Hamburg entstanden Reichas erste offizielle Kompositionen, etwa bis zur Opusnummer 30. Die Mehrzahl davon schrieb er für sein eigenes Instrument, die Querflöte, darunter etliche Stücke für zwei, drei und sogar vier Flöten. Weil er das Nordseeklima schlecht vertrug, machte er sich nach fünf Jahren wieder auf den Weg. Zwischenstation war Paris, wo er bleibende Kontakte knüpfte. 1801 kam Reicha nach Wien und traf seinen Jugendfreund Ludwig wieder. Er nahm Kompositionsunterricht bei denselben Meistern, bei denen auch Beethoven gelernt hatte: Haydn, Albrechtsberger, Salieri.

Im Wiener Klanglabor

Auch Anton Reicha war ein genialischer Kopf. Das Kompositionsstudium in Wien inspirierte ihn zu Ideen, die man nur revolutionär und avantgardistisch nennen kann. Seine Visionen betrafen vor allem die Form der Fuge, für die er sich neue und zukunftsträchtige Regeln ausdachte. Er experimentierte dabei u. a. mit ungewohnten Harmoniefolgen und zusammengesetzten Metren (z. B. 5/4). In Reichas neuartigen Fugenwerken setzen die Folgestimmen an unerwarteten Stellen ein oder in unerwarteter Transposition. Eine seiner Fugen durchläuft alle zwölf Tonarten, eine andere jongliert mit sechs Themen. Reicha, seiner Zeit weit voraus, träumte sogar von polytonalen und mikrotonalen Möglichkeiten.

Das Klavier – eigentlich nicht sein Instrument – wurde ihm dabei zum Experimental-Apparat im Fugen-Labor. Seine Kompositionen addierten sich zu Versuchsreihen. Um 1803 entstanden Klavierzyklen wie die „36 Fugen“ und die 57 Stücke der „L’Art de Varier“. „Ich hatte beim Komponieren eine starke Neigung zum Ungewöhnlichen“, sagte Reicha über diese Zeit in Wien. „Die Einfälle kamen so schnell, dass ich sie kaum niederschreiben konnte.“ Einige seiner Fugen übersetzte er auch aufs Streichquartett und nannte die Sammlung „Quatuor scientifique“ (1806), also: Wissenschaftliches Quartett. Begleitend veröffentlichte er Schriften wie „Über das neue Fugensystem“ oder „Kunst der praktischen Harmonie“. Der alte Freund Beethoven, der in derselben Stadt mit seinen Sinfonien für Furore sorgte, betrachtete Reichas Fugen-Spleen skeptisch. Doch einige dieser wilden Ideen könnten in Beethovens Spätwerk Früchte getragen haben. Als Reicha 1808 wieder nach Paris ging, spann er seine revolutionären Musikvisionen und Fugeneinfälle weiter und faszinierte damit auch einige angehende Komponisten. Unter seinen Pariser Schülern waren u. a. Berlioz, Flotow, Franck, Gounod, Liszt und Onslow.

Der Haydn des Bläserklangs

Rund zehn Jahre lang hatte Reicha in Paris sehr zu kämpfen. Aber irgendwie kam er doch über die Runden – komponierend, unterrichtend, theoretische Werke schreibend. Um 1818 wendete sich endlich das Blatt. Er wurde zum Professor am Pariser Konservatorium ernannt und hat – mit 48 Jahren – sogar noch geheiratet. Antoine Reicha, wie er jetzt hieß, wurde zu einem hochgeachteten Mitglied der Pariser Gesellschaft. Ausschlaggebend war der große Erfolg seiner Kompositionen für Bläserquintett. Reicha hat dieses Format nicht erfunden. Es lag vielmehr in der Luft – als logische Fortsetzung der Harmoniemusik. Um 1800 bildete die Oktettbesetzung das Standardformat der „Harmonie“: zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Hörner, zwei Fagotte. Als dann die Querflöte populär wurde, Reichas eigenes Instrument, hätte daraus ein Dezett (Tentett) werden können. Doch weil gleichzeitig das intime Streichquartett sehr in Mode war, ging der Trend eher zur Verkleinerung der Besetzung: Es bestand Bedarf an einem Bläserformat für die geschlossene Kammer. So kam das halbierte Dezett, das Bläserquintett, zustande: Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott, jeweils nur einfach. Die ersten Werke für diese Besetzung wurden wohl schon um 1780 geschrieben.

Für den Durchbruch des Bläserquintetts aber sorgte Anton Reicha. Er war zur richtigen Zeit und am richtigen Ort der richtige Mann: ein Bläser-Experte und zugleich langjähriger Schüler von Haydn, dem Meister des Streichquartetts. 1817 veröffentlichte Reicha in Paris seinen ersten Zyklus von sechs Bläserquintetten (op. 88). Sie wurden so begeistert aufgenommen, dass er drei weitere Jahre lang (1818-1820) jeweils einen weiteren Sechserzyklus folgen ließ (op. 91, op. 99, op. 100). Die Premieren seiner Quintette waren gesellschaftliche Ereignisse und schlugen sich sogar in einem Roman von Balzac nieder. Damals berichtete ein Musikkorrespondent aus Paris: „Die Reicha’schen Quintette sind in dieser Art unstreitig das Vollendetste, was ich je gehört habe. Wenn es möglich wäre, Haydn in der Quartetten- und Quintettenkomposition zu übertreffen, so wäre dies von Reicha mit den erwähnten Quintetten geschehen.“

Eine europäische Sensation

Reicha hatte das Glück, dass ihm in Paris fünf der besten Bläservirtuosen des Kontinents zur Verfügung standen. Vier von ihnen hatten bei ihm Komposition studiert, die meisten wurden wie er Professoren am Konservatorium. Sie spielten in den besten Orchestern der Stadt, in der Großen Oper oder in der königlichen Kapelle. Louis-François Daupras, der Hornist des Quintetts, wurde auch als Verfasser eines einflussreichen Lehrwerks bekannt. Auguste-Georges-Gustave Vogt, der Begründer der französischen Oboenschule, war laut Allgemeiner Musikalischer Zeitung (Leipzig) auf seinem Instrument damals konkurrenzlos. Jeder der fünf konnte in Reichas Werken seine Virtuosität demonstrieren, die Führungsrollen wechseln von Satz zu Satz. Reichas Bläserquintette sind wie Sinfonien gebaut, jeweils viersätzig und mit einem Umfang von ca. 30 bis 40 Minuten. Der erste Satz (Allegro) beginnt meistens mit einer langsamen Einleitung. Dann folgen ein Adagio (oder Larghetto), ein Menuett und ein finales Allegro. Fagott, Horn und Klarinette (von unten nach oben) bilden häufig den Grundakkord. Die Kompositionen betonen das für den Quintettklang günstigste Register jedes Instruments: Die Flöte bleibt den Tiefen fern, die Klarinette meidet die Höhen. Reichas Bläserquintette waren „eine Sensation in ganz Europa“, wie er selbst schreibt. „Es gab bis dahin keine gute Musik für Bläser, einfach, weil die Komponisten zu wenig über die Spieltechnik wussten.“ Die Quintette hätten zu Recht die „Bewunderung der musikalischen Welt“ erfahren, meinte der Kritiker John Sainsbury: „Keine Beschreibung, keine Vorstellung wird diesen Kompositionen gerecht.“

Für seine fünf Bläsersolisten schrieb Reicha auch noch eine Menge besonderer Features. Im Fall des Oboisten Vogt waren das z. B. langsame Bläserquintettsätze mit dem Englischhorn als Solo-Instrument. Außerdem komponierte Reicha in Paris Sinfonien, Ouvertüren, Streichquartette, Zyklen von Klavieretüden, Opern, Lieder sowie etliche Fugen in diversen Besetzungen. Zu seinen kuriosesten Werken gehört eine Freiluftsinfonie für 33 Bläser, drei Kontrabässe, sechs Trommeln und vier kleine Feldkanonen. Hoch geschätzt wurden auch Reichas theoretische Schriften. „Traité de mélodie“ (1814) wurde ständig nachgedruckt, 1911 bereits in 11. Auflage. „Cours de composition musicale“ (1818), ein Standardwerk am Konservatorium, wurde u. a. von Meyerbeer, Schumann und Smetana aufmerksam studiert. „Traité de haute composition“ (1826) hat der Beethoven-Schuler Carl Czerny ins Deutsche übersetzt.

Am Ende hat das (wieder) monarchische Frankreich Antoine Reicha hoch geehrt: mit der französischen Staatsbürgerschaft, dem Orden der Ehrenlegion und der Mitgliedschaft in der Académie Française. Letzteres nannte Hector Berlioz einen „späten Akt der Gerechtigkeit“: „Reicha ist einer der gelehrtesten Köpfe Europas; am Konservatorium hat er eine unglaubliche Anzahl hervorragender Schüler ausgebildet.“ Berlioz vergaß aber auch nicht den visionären Avantgardisten: „Monsieur Reicha vertritt entschieden die Sache des Fortschritts. Die Académie hat einen echten Revolutionär in ihre Reihen aufgenommen.“

blasmusik Ausgabe 12-2020 | Autor: Hans-Jürgen Schaal
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