20 Tipps für eine bessere Präsentation von Konzertmärschen

„Marches are Music!“ heißt es in dem Buch „Teaching Music through Performing Marches“ von Carl Chevallard (Dirigent der USAF Band of the Rockies), eine Behauptung, die ich nur unterstreichen möchte.

Marschmusik ist sicherlich eines der vielfältigsten Genres der Bläsermusik – es gibt sie für fast jeden Anlass – aber mittlerweile eventuell auch einer der am meisten vernachlässigten Bereiche. Dabei ist die Konzertmarsch-Musik so un-endlich abwechslungsreich, bietet starke Kontraste und ist beim allgemeinen Publikum immer noch sehr beliebt. Zudem sind viele Märsche durchdrungen von so viel schöner Musik, so dass man tatsächlich ausrufen könnte „Marches are Music!“

Die nachfolgenden Tipps, vorwiegend für Dirigenten, sollen helfen, die umfang-reichen Anforderungen an eine gute Präsentation von Märschen besser zu erkennen und auch in der Praxis optimal und effizient umzusetzen. Dabei sollte man allerdings die auch bei Märschen wichtigen Parameter wie Interpretation, Stilistik, Artikulation, Akustik, Instrumentation usw. intensiv beachten und möglichst künstlerisch anspruchsvoll umsetzen.

  • Interpretation:

1. Verschaffen Sie sich Hintergrundinfos zu den jeweiligen Märschen. Erarbeiten Sie die Partitur sehr ernsthaft und gründlich. Erforschen Sie z.B. folgende Bereiche:

  • Komponist
  • Komposition bzw. historische Hintergründe und Perspektive
  • Technische und stilistische Überlegungen
  • Musikalische Elemente: Melodie, Harmonie, Rhythmus, besondere Klangfarben etc.
  • Umfangreiche Analyse in Form und Struktur (Taktabschnitte)

2. Ermuntern Sie die Musiker permanent zu einer ausdrucksstarken, über-zeugenden und mitreißenden Interpretation. Hierin liegen großartige individuelle Möglichkeiten, die enorm wichtig sind und nicht selten auch nachhaltig beeindrucken können. Durch gründliche Recherchen kann man sich hier eine solide musikalische Grundlage schaffen und dann sicherlich noch mehr besondere, kreative Momente entstehen lassen.

„Begeisterung für (Marsch -) Musik kann man nicht einfach nur durch Hören erfahren, sie muss durch unsere Interpretation erfahrbar gemacht werden.“Carl Chevallard

3. Sorgen Sie dafür, dass die Melodie immer sehr deutlich zu erkennen ist, deutlicher als alles andere (z.B. harmonische Begleitungen wie „Nachschlag“ der Trompeten, Posaunen, Hörner o.a.). Das Publikum möchte sehr gerne Melodien- bzw. Nebenmelodien hören – und die dann am liebsten euphorisch, leiden-schaftlich, emotional gut interpretiert. Das geht bei allen Märschen auch z. B. mit „Gruß an Kiel“, „Graf Zeppelin“, „Florentiner Marsch“ etc.

4. Märsche haben immer auch Wiederholungsteile – eigentlich eine geniale Gelegenheit besonders kreativ zu sein. Versuchen Sie hier zu variieren in Bezug auf Dynamik, Klangfarben, Tempo, Artikulation usw. Spornen Sie die Musiker immer wieder dazu an, fantasievoll und schöpferisch zu sein, es geht um bestmögliche Unterhaltungsmusik.

„Die beste und wirkungsvollste Unterhaltungsmusik ist und bleibt für mich die konzertante Aufführung von guter Marschmusik.“ 
Felix Hauswirth

5. Achten Sie konsequent auf eine intensive Phrasengestaltung. Die Phrasen sollten immer spannungsvoll und mit viel Gespür für Ästhetik zu Ende gespielt werden; nur so ist das „abrupte“ bzw. spannungslose Beenden der Phrasen langfristig zu vermeiden.

  • Klangfarben, Klangausgleich und Dynamik

6. Die Klangfarben sind das besondere Merkmal und die bedeutungsvolle Vielfalt eines guten Blasorchesters. Kontrollieren Sie sehr genau die Mischklänge, regulieren Sie diese wenn nötig, damit möglichst viele Klangfarben wahrgenommen werden können und der Klang immer moduliert und abwechslungsreich gestaltet werden kann.

=> siehe: 20 Tipps für eine solide, permanent bessere Klangentwicklung!

7. Fokussieren Sie speziell in den Tuttipassagen die dynamische Aus-gewogenheit. Achten Sie immer auf deutliche, aber auch weiche Basslinien. Sie geben dem Marsch das klangliche Fundament (optimalerweise mit Kontrabass). Kontrollieren Sie dabei immer auch die Begleitstimmen. Im Idealfall ergibt sich ein harmonisches Ganzes (siehe Nr.3). Auf keinen Fall darf Eintönigkeit, oder schlimmer noch, grauer Klang – „Mischmasch“ entstehen. Seien Sie hier un-bedingt konsequent, überlassen Sie das nicht dem Zufall!

8. Ermutigen Sie die Musiker, die Funktion ihrer Stimme in der Harmonie und im Ablauf eines Stückes möglichst genau zu kennen und durch gezielte, pädagogisch ausgewählte Beispiele und Hörübungen auch erkennen zu lernen. Das Trio wird beispielsweise meistens in der Subdominate (Quarte höher als zu Beginn) gespielt. Oder die vielen Dominantseptakkorde, verminderte Septakkorde oder sogar verkürzte Dominantseptakkorde, die eigentlich in jedem Marsch vor-kommen, gilt es bewusst hören und erkennen zu lernen. Auch sind oft harmonische Abläufe bedeutsam und musikalisch sehr packend; deshalb helfen Sie mit, dass sie erkannt und geschickt bzw. geschmackvoll umgesetzt werden. Diese Bewusstmachungen werden helfen, eine spannendere Interpretation und bessere Präsentation zu finden.

Clevere, kontext-aufmerksame Musiker machen bessere Musik!

9. Achten Sie bei Märschen – noch mehr als sonst – auf die Balance bzw. den Klangausgleich bezüglich der hohen Lagen verschiedener Instrumente. Sorgen Sie dafür, dass bspw. die sehr hohen Holz - (bspw. Klarinetten in der sog. Clarin - Lage) oder Blechstimmen nicht zu sehr den Klang dominieren. Setzen Sie die Oberstimmen in Beziehung zueinander und versuchen Sie die hohen Oktaven hinter die tiefen Oktaven dynamisch zurückzustellen. Vielleicht hilft es auch sehr hohe Stellen zunächst eine Oktave tiefer zu üben. Hohe Oktavlinien sind hör-barer als tiefe Oktavlinien. Das Herabsetzen der Lautstärke bei hohen Oktaven bzw. das Ausbalancieren mit den anderen Registern reduziert deren Schärfe, erhöht offenkundig die Lautstärke von tiefen Oktavlinien und kreiert eine wärmere Klangfarbe im gesamten Orchester. 

10. Benutzen Sie, wenn möglich, z.B. auch „Cornets“ für eine Klangvariierung, um die eventuell dominierende Trompetenfarbe zu verringern und die Klangfarbe der Holzbläser zu verstärken und zu unterstützen. Vielleicht können Sie auch gezielt bei einigen Märschen eine geschickte Kombination von Hörnern, Flügelhörnern und Tenorhorn-Baritons herstellen, die dann sehr schön eine Klangfarbenergänzung oder Klangfarbenvariation zu den Holzbläsern sein können. Nutzen Sie die Mischklänge, seien Sie kreativ und auch detailverliebt. (Siehe Nr.6)

11. Kontrollieren Sie immer wieder, ob sich noch weitere Arrangier - bzw. Variationsmöglichkeiten ergeben, besonders für die leider normalerweise nicht vorhandenen Doppelrohrinstrumente.

  • Technische Überlegungen

12. Investieren Sie immer viel Mühe und Konzentration darauf, das richtige Tempo zu finden.

Seien Sie ein „Chamäleon“, wenn es darum geht, das richtige und passende Tempo zu finden. Carl Chevallard

Reagieren Sie auf die Akustik in den Konzertsälen und den Aufführungsorten. Wenn möglich, lassen Sie das Tempo sehr variabel gestalten. Die Impulse zu Tempoveränderungen werden von den MusikerInnen ganz oft selbst gefunden (Bsp. Florentiner Marsch -Trio, etwas langsamer).

13. Bedenke Sie bitte auch, dass Amateurmusiker immer wieder Motivation und Hilfestellungen brauchen, um besondere Leistungen zu erbringen. Achten Sie darauf, dass technisch schwierige Stellen nicht zu schnell und unsauber gespielt werden. Animieren Sie dazu, dass die häufig vorkommenden Punktierungen exakt, ohne Verkürzungen ausgehalten werden. Spielen und üben Sie die punktierten Rhythmen besonders präzise. Lassen Sie die Punktierungen in verschiedenen Variationen üben – vielleicht auch mit der Unterstützung einer Snare-Drum (Sechzehntel, quasi als Metronom). Die kleinen Notenwerte, also Sechzehntel etc., müssen oftmals deutlicher hervorgehoben und klar artikuliert werden. Sie verleihen dem Marsch Klarheit, Brillanz und Energie. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Bassthema in dem Marsch „Alte Kameraden“.

14. Achten Sie auch besonders auf das Schlagzeug-Register. Wenn Sie selbst kein Schlagzeuger sind, werden Sie ein lebenslanger Student für den Fachbereich Percussion und deren Spieltechniken. Suchen Sie erfahrene und professionelle Stefan Kollmann, November 2020

Schlagzeuger und stellen Sie Fragen zur Spieltechnik, Klangveränderung, Klang-qualität usw. Forschen Sie in der Literatur, schauen Sie sich Videos von den vielen Profis an, usw. Studieren Sie die vielen Möglichkeiten der Klangkombinationen und besonderen Effekten. Eine ausgeklügelte und kreativ-gefühlvoll eingesetzte Percussionsgruppe kann besonders bei Märschen einen begeisterten, nachhaltig positiven Eindruck hinterlassen und das Publikum sowie alle Musiker emotional tiefgreifend erfassen. Deshalb: Erklären Sie dem Schlagzeug bzw. Percussions-register ganz genau, was Sie möchten und vor allem wie! Geben Sie den Schlagzeugern aber auch die Möglichkeit auszuprobieren, was machbar und umsetzbar ist. Fehlende Stimmen für bspw. Pauke bzw. Glocken-spiel können, je nach Komposition, mit viel Feingefühl und einer fundierten Kontextkompetenz ergänzt werden. Das Percussionsregister hat bei Märschen eine führende Position und kann enorm zu einer großen, abwechslungsreichen Interpretation und Präsentation beitragen. Überlassen Sie auch hier nichts dem Zufall!

15. Beachten Sie sehr genau die Artikulation der einzelnen Register. Instrumente in hohen Lagen sollten eher breiter artikulieren, die in tiefen Lagen eher kürzer, je nach Stelle und Funktion. Auch Mischartikulationen sind möglich und mitunter sehr reizvoll. In seinem Buch „Musik als Klangrede“ beschreibt Nikolaus Harnoncourt diese Mischartikulationen zwischen Orchester und Chor-stimmen und betont die Vielfalt, besonders auch für die Orchester.

Die Vielschichtigkeit in der Artikulation gibt es aber nicht nur zwischen Vokal- und Instrumentalstimmen, sondern auch innerhalb des Orchesters, ja inner-halb der Stimmgruppen. Nikolaus Harnoncourt

16. Kontrollieren Sie immer die Abschlusstöne (bspw. nach Teil 1, im Trio, Schlusston etc.). Die Tradition der Militärmärsche z.B. sieht vor, dass der Abschlusston besonders deutlich markiert werden muss, manchmal noch mit einem vorausgehenden Signal der Schlagzeuger. Im Konzert kann dieser Abschlussakkord viel mehr eine besondere Klangfunktion übernehmen und einen regelrechten „Wow – Effekt“ erzeugen.

17. Motivieren Sie immer wieder die MusikerInnen auf die Intonation zu achten. Besonders in extremen Lagen gilt es, die Intonation ständig zu kontrollieren. Hier sollten die Töne nicht forciert werden. Bringen Sie die extremen Tonlagen in eine Beziehung zu den anderen Stimmen, eventuell müssen oder sollten Sie umstellen, oder arrangieren Sie! Praktische Tipps zu einer kompakten und aus-gewogenen Atmung können hier helfen, vielleicht kann auch das saubere Singen Stefan Kollmann, November 2020

der einzelnen Stimmen die Intonation deutlich verbessern. Stimmen Sie immer wieder mal verschiedene Akkorde gründlich aus (siehe Nr. 7), letztlich auch, um jeden daran zu erinnern, wie schön sich gute Intonation anhört.

18. Wichtig für jeden Musiker und eigentlich oberste Priorität sollte eine gute, tragfähige und angenehme Tonqualität sein. Eine beständige und permanent verbesserte, geschulte Tonqualität erzeugt eine fokussierte, leichtere Tonhöhe und eine präzisere Intonation. Arbeiten Sie immer an der Tonqualität der MusikerInnen, überlegen Sie, wo und wie ein Vibrato zu spielen ist, bzw. wer mit wem zu mischen ist, damit ein geschmackvolles Vibrato in den Melodiestimmen möglich ist. Die Klarinettengruppe ist da oftmals im Nachteil und muss geschickt unterstützt werden.

19. Erziehen Sie die Musiker zum aktiven Zuhören in der jeweiligen Stimme, im Register, im Satz, im Tutti. Sie sollen hören und wissen, was um sie herum musikalisch geschieht. Hinhören und reagieren: das macht den Orchesterklang aus!

20. Versuchen Sie – am besten lebenslang – die Vielfalt der Konzertmarsch- Literatur zu entdecken, zu studieren und in Konzerten anzuwenden. Neben den vielen Märschen aus den unterschiedlichsten Ländern gibt es die Vielzahl von Eröffnungsmärschen, Huldigungs- und Hochzeitsmärschen, Opern- und Zirkus-märschen bis hin zu sogenannten „Pop-Marches“ - und überall ist dabei so viel gute Musik zu entdecken. Mit der notwendigen Begeisterung, Hingabe und einem anhaltenden Enthusiasmus gilt es diesen großen Fundus der Konzert-märsche auch erfolgreich zu präsentieren. Machen Sie die schwarzen Punkte lebendig, denn: Marches are Music!

blasmusik Ausgabe 04-2021 | Autor: Stefan Kollmann
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